Theologie und Naturwissenschaften - sind das nicht Gegensätze?
Die verbreitete Auffassung, Theologie und Naturwissenschaften seien wie Feuer und Wasser, ist ein Mythos. Die historische Entwicklung und Auseinandersetzung der beiden Disziplinen, auch in den Fällen von Galilei und Darwin, ist wesentlich vielschichtiger und daher auch spannender als diese Auffassung nahelegt. Neue Herausforderungen – die Ökologiedebatte, Fragen der Bio- und Neuroethik, die synthetische Biologie – prägen das Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften heute.
Im Gefolge der Aufklärung sehen viele das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaften als Konflikt. Dieser Auffassung nach waren Menschen früherer Zeiten tendenziell sehr religiös und haben die Umwelt daher in religiösen Ausdrücken beschrieben. Die aufstrebende moderne Wissenschaft jedoch führte zu einem besseren Verständnis der natürlichen Welt, so dass wissenschaftliche Erklärungen die religiösen Erklärungen zunehmend ersetzten. Es wird weithin angenommen, dass die Kirche sich über solche Entwicklungen erregte und ihr bestes tat, neues Wissen zu ersticken. Im Laufe der Zeit jedoch eroberte die neue Wissenschaft siegreich das intellektuelle Leben der westlichen Welt und ließ, so die Annahme, den Theologen keine andere Rolle übrig, als Rückzugsgefechte auszutragen und neuere Entwicklungen gelegentlich zu attackieren.
Wie passt aber ein Gesprächskreis zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern in dieses Bild? An der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, an der evangelischen Akademie im Rheinland und an vielen anderen Orten in Deutschland und auf der ganzen Welt treffen sich regelmäßig Naturwissenschaftler und Theologen, um über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Disziplinen zu diskutieren. In Berkeley, Cambridge, Harvard, Oxford, Princeton und anderen Orten gibt es sogar Lehrstühle, die sich allein diesem reichhaltigen Thema widmen.
Mythos und Wirklichkeit
Tatsächlich ist die historische Entwicklung und Auseinandersetzung zwischen Theologie und Naturwissenschaften auch wesentlich vielschichtiger als der eingangs geschilderte moderne Mythos behauptet. Zunächst ist festzuhalten, dass am Beginn der modernen Naturwissenschaften die positive Würdigung der Natur als Gottes Schöpfung lag. Die Gedanken Gottes im „Buch der Natur“ nachzubuchstabieren war eine Hoffnung, die der gläubige Astronom Johannes Keppler mit seinem Unternehmen verwirklichen wollte. Einen Reflex finden diese Ursprünge noch im Schlusskapitel von Stephen Hawkings bekannter "Kurzer Geschichte der Zeit": wenn wir eine Theorie finden würden, die die Quantentheorie mit der Relativitätstheorie vereint, dann, so Hawking, würden wir die „Gedanken Gottes kennen“ (eine schlüssige Kritik dazu formuliert Hawkings früherer Kollege John Polkinghorne).
Aber was ist mit Galilei? Hat sein Fall nicht die Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche deutlich gezeigt? In der vorherrschenden Meinung wurde Galilei zum Märtyrer der Gedankenfreiheit, und sein Gegenspieler Papst Urban wurde zum Vertreter des finsteren Mittelalters. Natürlich gab es Konflikte, und man mag diskutieren, ob Galilei nicht Recht daran tat, sich dem Vorschlag zu widersetzen, seine Erkenntnisse als bloße Hypothesen zu betrachten. Allerdings muss man wissen, dass Papst Urban ein früherer Bewunderer Galileis war, und Galilei auch weder gefoltert noch ins Gefängnis geworfen wurde, auch wenn man wiederum zugestehen muss, dass der frühere Kenntnisstand der Quellen solches nahelegte. Galileis Verurteilung war das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von politischen Umständen, persönlichen Ambitionen und verwundetem Stolz, und zwar unter anderem dem des Papstes, dessen Argumente Galilei in seinem „Dialogo“ in den Mund des ‚Einfallspinsels’ Simplicio legte.
Tendenziöse Geschichtsschreibung
Die Autoren, die die Geschichte von Wissenschaft und Theologie als Konflikt inszeniert haben, sind zwei Geschichtsschreiber des 19.Jahrhunderts, William Draper und Andrew Dickson White. In ihrer „Geschichte der Conflicte zwischen Religion und Wissenschaft“ (1875) bzw. „Geschichte der Fehde zwischen Wissenschaft und Theologie in der Christenheit“ (1896), beides internationale Bestseller, zeichnen sie ein Bild des Verhältnisses von Wissenschaft und Theologie als andauerndem Kampf. Während Drapers Werk sich im Geiste des Kulturkampfes insbesondere gegen die katholische Kirche richtete, dehnte Andrew Dickson Whites Buch den Kampf der Aufklärung auf die ganze Christenheit aus. Historisch erklärt sich dies daher, dass Whites Gegner bei der Errichtung der ersten amerikanischen nichtkonfessionellen Universität (der Cornell-Universität) Protestanten waren. Diese Autoren haben mit ihrer sehr tendenziösen Darstellung nicht nur die Schulbücher beeinflusst.
Wie sieht die Geschichte aber in Wirklichkeit aus? An ihrer Aufarbeitung wird seit einigen Jahren erfolgreich gearbeitet. Dass die christliche Theologie umgekehrt förderlich für die Erforschung der als Gottes Schöpfung verstandenen Natur gewesen ist, ist sicher auch nicht falsch, sollte aber nicht überbetont werden. Die Wirklichkeit ist oft vielschichtiger und facettenreicher als die Propagandisten der einen oder anderen Seite glauben machen wollen.
Evolution und Schöpfung und die deutsche Geschichte
Was die Aufnahme der Evolutionstheorie angeht, muss man darauf verweisen, dass entgegen dem gegenwärtig in den Medien vorherrschendem Eindruck eines Dauerkonfliktes, heute zwischen Kreationisten (und der Intelligent Design Bewegung) und Neuen Atheisten (wie z.B. Dawkins und Dennet), schon früh einige Theologen den Gedanken Darwins durchaus positiv gegenüberstanden: so z.B. Frederick Temple, der spätere Erzbischof von Canterbury, oder Charles Kingsley, den Darwin in der zweiten Auflage der Origin of Species (1860) auch zitiert. In Deutschland gestaltete sich die positive Aufnahme Darwins durch die monistische Interpretation der Evolutionstheorie seitens Ernst Haeckels als schwierig. Eine gesunde Vorsicht vor allzu schnellen Gleichsetzungen hat sich hier bis heute bewahrt, auch als Erbe des Kirchenkampfs der Bekennenden Kirche. In der Ablehnung einer natürlichen Theologie (als Quelle der Verkündigung der Kirche) wurde der "geschichtlichen Stunde" 1933 mit dem Festhalten an dem einen Wort Gottes eine deutliche Absage erteilt. Gottes Äußerungen im "Buch der Natur" mussten in ihrer Bedeutung hinter das klare Zeugnis der Bibel zurücktreten.
Als Erbe dieser Auseinandersetzung lässt sich die Aussage Karl Barths, des "Kirchenvaters des 20.Jahrhunderts" begreifen: "Die Naturwissenschaft hat freien Raum jenseits dessen, was die Theologie als das Werk des Schöpfers zu beschreiben hat. Und die Theologie darf und muss sich da frei bewegen, wo eine Naturwissenschaft … ihre gegebene Grenze hat.“ So befreiend diese beiderseitige Grenzziehung ist, so offen lädt sie die Frage, wie denn das Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaften angemessen zu bestimmen ist.
Neue Herausforderungen
Ein allein schiedlich-friedliches Trennungsmodell der beiden Disziplinen, nachdem die Naturwissenschaft z.B. das „Wie?“ der Weltentstehung beantwortet, die Theologie aber das „Warum?“ scheint überholt. Der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie erreicht damit ein neues Stadium. Nachdem in der zweiten Hälfte des 20.Jh. zunächst der Einfluss relativistischer wissenschaftstheoretischer Konzepte (Kuhn, Polanyi u.a.) zu einer methodologischen Annäherung der Disziplinen führte, sahen sich viele Physiker aufgrund der tiefgreifenden Erkenntnisse ihrer Wissenschaft bald selbst dazu genötigt, metaphysische Fragen zu stellen. Dies war ein Grund für einen neuen Ansatz im Gespräch. Auch die ökologische Herausforderung sorgte spätestens seit den 1980er Jahren dafür, dass das Gespräch nicht verebbte. Neue Themenfelder sind seitdem hinzugekommen: Fragen der Bioethik, Neuroethik, manchmal der „Neurotheologie“ gar, wenn behauptet wird „Gott wohne im Gehirn“. Aktuell macht besonders die Synthetische Biologie von sich reden, in der der Mensch sich anschickt, Gottes Schöpferrolle zu übernehmen. Überhebliche Anmaßung oder Ausdruck seines Geschaffenseins zum Mitschöpfer? Hier scheiden sich die Geister.
Auf dieser Webseite
Wir wollen auf dieser Webseite versuchen, einen ersten groben Überblick über den Diskussionsstand zu geben. Dazu dienen einerseits die Leitartikel, die sich jeweils einem aktuellen Thema widmen. Zu verschiedenen Unterthemen finden sie zudem wissenschaftliche Texte, die in Sitzungen des Gesprächskreises oder bei Tagungen der Akademie erarbeitet worden sind. Das Themenfeld Theologie und Naturwissenschaften ist ein sehr lebendiges, und dies spiegelt sich in unserem Diskussionsforum wieder. Die Presseschau informiert über die aktuelle Berichterstattung in den Medien. Gerne weisen wir auf Veranstaltungen zum Thema hin. Als Einführung in das Gespräch seien schließlich einige Bücher und Links empfohlen. „Wir über uns“ informiert darüber, wer hinter diesem Internetangebot steht. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern auf diesen Seiten!
Andreas Losch
Bildnachweis:
- Vorspann: Blitze © sandra zuerlein (Fotolia.com)
- "Mythos und Wirklichkeit": Sein Prozess hat Galilei zum Mythos gemacht, Gemälde von Cristiano Banti (Wikimedia Commons)
- "Tendenziöse Geschichtsschreibung": Andrew Dickson White, erster Präsident der Cornell University (Wikimedia Commons)
- "Evolution und Schöpfung und die deutsche Geschichte": human evolution vector © goce risteski (Fotolia.de)
- "Neue Herausforderungen": medicine and science © Photosani (Fotolia.de)

